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Philosophin des Monats April

Damaris Cudworth Masham

cidworthHeute weitegehend unbekannt, war Damaris Masham zu ihrer Zeit eine angesehende Gelehrte. Sie korrespondierte mit  großen Denkern wie Leibniz, Locke und Norris. 

Unterstützung von Seiten des Vaters, immerhin der Cambridge Platoniker Ralph Cudworth blieb weitgehend aus. Im Gegenteil, er verbot der Tochter sogar, Latein zu lernen. Immerhin war die Bibliothek nicht verboten und so studierte Damaris autodidaktisch die großen Philosophen.

Ein viel wichtigere Förderer war für Damaris Masham der britische Philosoph John Locke. Beide führten einen regen Austausch, sie kritisierte seine Ideen und es entstand eine enge Freundschaft. Im hohen Alter lebte Locke sogar zusammen mit ihr und ihrer Familie auf dem Landsitz Oates.

Was Damaris Masham besonders an Lockes Theorien reizte, war die Bedeutung der Erziehung. Selbst Mutter kämpfte sie mit ihren Schriften für eine qualitätvollere Erziehung der Mädchen. Und Lockes Vorstellung vom Geist als einem "leeren Blatt" das durch Erziehung und Ausbildung beschrieben wird, schienen ihr sinnvoll für einen gesellschaftlichen Wandel. 

Occasional Thoughts in Reference to a Vertuous or Christian Life
Das Thema Bildung dominiert auch im hier erstmals ins Deutsche übersetzten Text Occasional Thoughts in Reference to a Vertuous or Christian Life. Dieser 1705 ursprünglich anonym veröffentliche Text gilt als ihr Hauptwerk. Masham verbindet darin die Philosophie ihrer Zeit und ihrer Vorbilder mit ihren eigenen Gedanken zu einem Gesamtkonzept.
Auf den ersten Blick steht die Religion im Vordergrund, doch bei genauerem Lesen wird Mashams kritische Haltung zu den Vorstellungen ihrer Zeit deutlich. Im Hinblick auf die Religion folgt sie über weite Strecken dem Denken der Cambridge Platoniker. Auch für sie ist die Vernunft die wichtigste Grundlage, sowohl des Denkens, wie auch des Glaubens. Die Moral ihrer Zeit beklagt sie als sinnentleerte Sitten und Gebräuche. Der Religion wirft sie vor, zu Lasterhaftigkeit und Sittenlosigkeit beigetragen zu haben.
Wie die Cambridge Platoniker macht auch Masham die Vernunft zur Grundlage des menschlichen Handelns. Deshalb sind auch Religion und Tugend auf dieser Folie zu sehen. »Denn die Tugend ist das natürliche Ergebnis des ernsthaften Wunsches, in allen Dingen dem Gesetz zu entsprechen, das unser Schöpfer für uns festlegte.«11 Wahre Tugend ist für Masham Handeln unter dem Gesichtspunkt der Vernunft. Dabei geht es ihr nicht darum, nur den christlichen Regeln zu folgen, sondern um das Verständnis ihrer Bedeutung und die Akzeptanz ihrer Notwendigkeit.
Die christlichen Gebote sind für Masham moralische Normen, die von der Vernunft bestimmt werden und Menschen helfen sollen, sich nicht von ihren Leidenschaften überwältigen zu lassen. In Occasional Thoughts stellt Masham die Verbindung von Vernunft und Glauben her. Sie argumentiert gegen die Ansicht, das Christentum sei Fanatismus oder Skeptizismus und definiert Religion als Unterstützung für die Tugend auf einer göttlichen Grundlage. Moralische Prinzipien sieht sie als unabhängig existierenden Teil der Natur aller Dinge.
Gegen die Deisten, die den Glauben an Gott aus Verstandesgründen vertraten, unterstreicht sie die Bedeutung der Offenbarung. Masham widerspricht damit der Vorstellung, dass eine natürliche Frömmigkeit möglich ist, die auf Vernunft basiert. Auf der anderen Seite mündet ein religiöser Glaube, der die Rolle der Vernunft integriert in Bigotterie und Atheismus.
Wirkliche Religiosität liegt für Masham im Einsatz der Vernunft. »Unter Vernunft versteht man hier jene Fähigkeit in uns, die durch das Eingreifen vermittelnder Vorstellungen entdeckt, welche Verbindungen diese im Verhältnis zueinander haben.«12 Im Geist Verknüpfungen herzustellen, das ist der Kern des Vernunftbegriffes. Und deshalb plädiert Masham dafür selbst zu denken.
Die wichtigsten religiösen Lehren sind für Masham die von Jesus Christus. Seine Weisungen sind für sie wie die Naturgesetze, die von den Menschen durch den Einsatz der Vernunft erkannt werden können. Deshalb sollten alle das Evangelium lesen und sich Gedanken über seine Bedeutung machen. Der wichtigste Zweck der Offenbarung ist für Masham, dass sie den Menschen Regeln gibt, nach denen sie ihr Verhalten richten können. Und die Einhaltung dieser Regeln hat Konsequenzen in einem ewigen Leben.
Stärker als die Cambridge Platoniker betont Masham die Bedeutung des jenseitigen Lebens. Für sie ist vor allem durch die Möglichkeit einer später folgenden Belohnung oder Bestrafung interessant. »Daher kann man gerechterweise schlussfolgern, dass die christliche Religion das alleinige universell anwendbare Mittel ist, um den Menschen wirklich tugendhaft zu machen. Das Gesetz der Vernunft oder das ewige Gesetz der Rechtschaffenheit, ist im Wort Gottes allein jenen, mit allen Fähigkeiten deutlich und verbindlich als das göttliche Gesetz dargelegt, dem man wirklich durch Belohnungen und Bestrafungen Nachdruck verleiht.«13 Die Jenseitsorientierung hebt Masham hervor, weil sie den Kern der Offenbarung darstellt. Erst durch Jesus und seine Auferstehung war das Leben nach dem Tod zu einer denkbaren Option geworden. Masham legt hier vor allem Wert darauf, etwas Metaphysisches vernünftig zu begründen. Und diese Begründung findet sie, wie schon die antiken Philosophen, im System der Belohnung und Bestrafung.

Spätestens seit ihrer Heirat 1685 fokussierte sich Mashams Denken auf die Rolle, die den Frauen zugewiesen wurde. Zum Ausdruck bringt sie ihre Gedanken doch erst Jahre später in den Occasional Thoughts. Auch aufgrund ihrer eigenen Biografie kritisiert Masham, dass die Möglichkeiten der Frauen vom Wohlwollen der Männer abhängig sind und zwar meist von Männern, die selbst zu wenig gelernt hätten, da sie von ungebildeten Frauen erzogen worden waren. »Denn um den Menschen tugendsam zu machen, ist nichts so wirkungsvoll, wie in ihm gute Angewohnheiten und die Prinzipien der Tugend in ihm auszubilden, bevor der Geist mit etwas verdorben wird, das diesem widerspricht oder ihm abträglich ist.«14 Und die erste Bezugsperson, die diese Aufgabe übernimmt, ist meist die Mutter. Doch diese wird auf einer geistig niederen Stufe gehalten werden, damit sie dem überlegenen Mann gegenüber williger sind. Die typisch weibliche Erziehung macht die Frauen zu Unterlegenen und verhindert so, dass sie ihre Kinder richtig erziehen.
Auch im Hinblick auf die Bildung greift Masham auf antike Vordenker zurück. Wie Sokrates begründet sie den Mangel an Tugend mit dem Mangel an Wissen. Um ihn zu beheben, ist das eigene Bibelstudium unverzichtbar. Denn es darf kein bloßes Herunterbeten sein, wie das damals in der Mädchenbildung üblich war. Das einzige Wissen über die Religion waren auswendig gelernte Sprüche aus dem Katechismus. Masham fordert nun, dass man sich selbst mit den Bibeltexten auseinander setzen sollte. Frauen sollten nicht glauben, weil es von ihnen verlangt wird, sondern weil sie davon überzeugt sind. Wenn Masham anregt, den Sinn der Heiligen Schrift nicht nur verbal zu vermitteln, sondern durch praktische Anleitung, folgt sie Lockes Erziehungskonzept. Dieser sieht nämlich vor, das Interesse an Wissen durch Spiele und vor allem durch das eigene Vorbild zu wecken. Und gerade bei den Inhalten des christlichen Glaubens ist das gelebte Beispiel sicherlich am prägendsten.
Trotz ihrer religiösen Orientierung durchschaut Masham die Doppelmoral der bürgerlichen Gesellschaft, die vor allem Reinheit und Keuschheit als weibliche Tugenden propagiert. Dies sei in erster Linie ein Mittel, um die Frauen einzuschränken. Aber Vernunft braucht Unterweisung. Der Mensch besitze zunächst nur die Fähigkeit zum vernünftigen Handeln, die Praxis ist eine Frage der Erziehung. Deshalb müsse man zuerst die Mütter fördern und schulen. Masham hat erkannt, dass auch die Erziehung der Jungen verändert werden muss, um den Frauen der nächsten Generationen mehr Freiheiten zu gewähren. Sie sieht es ist die Aufgabe der Eltern, ihren Kindern Werte beizubringen. Sie sind ein wertvolleres Erbe als materieller Wohlstand. Der Schlüssel der Mutterrolle liegt für Masham darin, die christliche Moral durch Erziehung in den Kindern zu begründen. Das ist der Grund für die Erziehung der Frauen zu votieren.

Auszug aus: Damaris Cudworth Masham: Gedanken über Erziehung, Aachen 2011

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