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Philosophin des Monats Juni

         Dorothea Erxleben

bassi

Eigentlich war die Medizin das Wichtigste im Leben von Dorothea Erxleben. Und sie hatte sogar die Zulassung zum Studium bekommen, für eine Frau im 18. Jahrhundert durchaus ungewöhnlich. Ein Krieg vereitelte aber ihre Pläne und später durfte sie dann doch nicht mehr studieren. Dennoch konnte sie als erste Frau an einer deutschen Universität als Ärztin promovieren.

In den Kreis der Philosophinnen gehört sie durch ihre Schrift, Gründliche Untersuchung der Ursachen, die das weibliche Geschlecht vom Studiren abhalten, die sie als Frauenrechtlerin auszeichnet. Akribisch listet sie darin auf, welche Gegenargumente von der akademischen Welt angeführt werden. Sie selbst votiert vor allem für die Berufspraxis weiblicher ÄrztInnen, und das zu einer Zeit, als Heilerinnen immer noch pauschal als Kurpfuscherinnen angeprangert wurden.

Für die Frauenstudien spricht vor allem die Gottebenbildlichkeit beider Geschlechter. Ein Geschöpf Gottes, so führt Erxleben an, könne gar nicht vernunftlos sein. Damit widerlegt sie das wichtigste Argument gegen die Frauenbildung. Doch sie sieht ihr Geschlecht auch realistisch, und deshalb seien die männlichen Vorurteile gegen die Vernunftbegabtheit der Frauen oft nachvollziehtbar, wenn auch nicht zutreffend. Viele Frauen, so merkt sie an, lieferten durch ihren mangelnden Einsatz des Verstandes selbst Nahrung für solche Vorurteile. Aber dieser Mangel ist behebbar, allerdings nur mit dem entsprechenden Willen der Frauen. 

Auszug aus: Die Welt der Philosophin, Teil III

Dorothea Leporin war die erste Frau, die an einer deutschen Universität als Ärztin promovierte, und das auch eher der Form halber, da sie schon längst praktizierte. Zum Studium war sie nicht zugelassen, das medizinische Wissen hatte sie von ihrem Vater gelernt. Um das Studium für nachfolgende Frauengenerationen möglich zu machen, setzte sie sich in einer philosophischen Abhandlung mit den Ursachen und Vorurteilen auseinander, die die Frauen vom Studieren abhalten.

Leporin wurde am 13. November 1715 in Quedlinburg geboren. Ihr Vater, Christian Polycarpus Leporin, selbst Mediziner und durch eigene philosophische und medizinische Abhandlungen bekannt, unterrichtete sie selbst in den Fächern Philosophie und Medizin. Außerdem nahm sie am Unterricht ihrer Brüder teil, lernte Spanisch und wurde mit den anderen Wissenschaften vertraut gemacht; ihre häuslichen Pflichten durfte sie aber neben den Studien nicht vernachlässigen. Da Dorothea als Kind recht schwächlich war, hatte der Unterricht auch therapeutischen Zweck, sie selbst fand die körperliche Schwäche positiv, da sie ihr die Bildung ermöglichte.

Am 26. November 1740 stellte Dorothea Leporin zusammen mit ihrem Bruder den Antrag, zum Medizinstudium zugelassen zu werden; diesem wurde schließlich am 30. März 1741 stattgegeben. Allerdings konnten beide zu diesem Zeitpunkt das Studium nicht mehr aufnehmen, da Dorotheas Bruder inzwischen auf der Flucht vor dem Militärdienst war, und auch ihr Vater, der für die Desertation des Sohnes verantwortlich gemacht wurde, fliehen mußte. Dadurch geriet die Familie in Geldnot und ein Universitätsstudium wurde unmöglich. Wohl auch um versorgt zu sein, wurde Dorothea am 14. August 1742 die zweite Frau des Diakons Erxleben und Mutter seiner fünf Kinder. Obwohl sie mit Haushalt und Kindern vollauf beschäftigt war, ließ sie sich nicht vom Studium abhalten.

Vertraut mit den Schwierigkeiten, die einer Frau, die sich mit den Wissenschaften befaßt, gemacht werden, verfaßte sie im gleichen Jahr ihren heute bekanntesten und wichtigsten Text Gründliche Untersuchung der Ursachen, die das weibliche Geschlecht vom Studiren abhalten. Darin deren Unerheblichkeit gezeiget, und wie möglich, nöthig und nützlich es sey, daß dieses Geschlecht der Gelahrheit sich befleisse, umständlich dargelegt wird. Erxleben votiert hier vor allem für die Berufspraxis weiblicher ÄrztInnen, und das zu einer Zeit, als Heilerinnen immer noch pauschal als Kurpfuscherinnen angeprangert wurden. Aber sie war auch der Meinung, daß eine wissenschaftliche Ausbildung immer auch dem Einsatz und der Verantwortung der jeweiligen Frau zuzuschreiben sei. Sich selbst sah sie niemals als Ausnahme an, sondern wünschte sich für alle Frauen wissenschaftliche Bildungsmöglichkeiten.

Durch die Anleitung ihres Vaters mit der Arbeit einer Medizinerin vertraut, versorgte Erxleben auch als Pfarrersfrau kranke Gemeindemitglieder, allerdings ohne Approbation. Die akademischen Ärzte versuchten zunehmend ihr Fahrlässigkeit u.ä. nachzuweisen; sie verstand es aber, sich geschickt zu verteidigen. Trotz ihrer Fähigkeiten und der Möglichkeit, sich durch ihren Vater in Medizin ausbilden zu lassen, konnte erst Friedrich II. bewirken, daß sie in Halle promovieren durfte. Am 12. Juni 1754 legte sie die Prüfung an der Universität Halle ab und wurde am 24. Juni als erste Frau zur Doctrix medicinae ernannt. Als Doktorarbeit legte sie den Text Abhandlung von der gar zu geschwinden und angenehmen, aber deswegen öfters unsicheren Heilung der Krankheiten vor.

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Erxlebens Hauptwerk Gründliche Untersuchung der Ursachen, die das weibliche Geschlecht vom Studiren abhalten gehört zu den wichtigsten Arbeiten einer deutschen Philosophin aus dem 18. Jahrhundert. Sie setzt sich dafür ein, daß keine Frau, die über die Fähigkeiten und das Interesse verfügt, zu studieren, durch Vorurteile davon abgehalten werden sollte. Erxleben selbst schreibt in ihrem Untertitel, daß sie zeigen möchte, daß „es möglich, nöthig und nützlich sey, daß auch dieses Geschlecht der Gelahrheit sich befleisse“.

Ganz im Geist der Aufklärung verteidigt sie den Nutzen der Gelehrsamkeit und kritisiert, daß so ein ‘kostbarer Schatz’ verachtet werde. Die Verachtung der Gelehrsamkeit liegt im Ausschluß der Frauen, und zwar obwohl die Vernunft bei allen Menschen gleich sei: „Es hat der allweise Schöpfer sowohl dem weiblichen als männlichen Geschlecht das Vermögen beygelegt die Wahrheit zu erkennen und vom falschen zu unterscheiden.“

Erxleben geht in ihrer Untersuchung von der Gottebenbildlichkeit beider Geschlechter aus. Sie ist die Grundlage für ihre Widerlegung der Argumente gegen die Frauenbildung. Dabei hält sie die Vorurteile gegen die Vernunftbegabtheit der Frauen für durchaus verständlich, wenn auch nicht zutreffend. Sie kritisiert, daß die Frauen selbst durch ihren mangelnden Einsatz des Verstandes die Ursache dieser Vorurteile liefern. Aber dieser Mangel ist behebbar, allerdings nur mit dem entsprechenden Willen der Frauen. Erxleben geht sogar so weit, obwohl sie die gesellschaftliche Ablehnung gegen gebildete Frauen und die Probleme mit dem Zugang zur Bildung kennt, den Frauen die hauptsächliche Schuld daran zu geben, ihren Verstand nicht genügend auszubilden. Fazit ist: Da die Gelehrsamkeit eine allgemein nützliche und notwendige Sache ist, sind die Bestrebungen, die Frauen vom Studium auszu­schließen, abzulehnen, sowohl von der Seite der Gelehrsamkeit aus als auch von der der Frauen selbst. „Die Gelehrsamkeit ist ja ein Schatz, welcher nicht für eine gewisse Zahl Menschen gewidmet ist, sondern es stehet einem jeglichen ohne Unterscheid frey dieselbe zu suchen, ohne daß dadurch andere gehindert würden ein gleiches zu thun; erkennet ihr nun, daß es eine grosse Glückseligkeit sey viele Wahrheiten zu erkennen, warum trachtet ihr nicht vielmehr dieser Erkenntnis theilhafftig zu werden, als andere davon abzuhalten.“

Unterteilt ist Erxlebens Schrift in zwei Bereiche: die erste Abhandlung befaßt sich mit den Vorurteilen, die das weibliche Geschlecht vom Studium abhalten und die zweite mit den anderen Ursachen, wie Geiz, Bequemlichkeit, Hochmut und Neid, die das Studium der Frauen verhindern. Das erste Vorurteil, Gelehrsamkeit schicke sich nicht für eine Frau, außerdem sei sie darin sowieso nicht leistungsfähig, entkräftet Erxleben, indem sie auf die praktische Auffassung von Gelehrsamkeit verweist: „eine gründliche Erkenntnis solcher nötigen und nützlichen Wahrheiten, wodurch der Verstand und Wille gebessert, folglich des Menschen wahre Glückseligkeit gefördert wird.“

Da der Verstand allen Männern gemeinsam ist, und ihnen das Studium vor allem zur Überwindung ihrer Leidenschaften und Affekte dient, könnte es auch Frauen dafür nützen, wenn sie die Möglichkeit hätten. So könnten auch Frauen ihre Krankheiten und Schwächlichkeiten überwinden. Gerade weil sie als Schwächere und Empfindlichere gelten, läge in der Bildung die Möglichkeit, diese Mängel zu bewältigen. Die menschliche Natur ist für sie nicht starr und unveränderbar, sondern veränderlich und verbesserbar.

Besonders ausführlich befaßt sich Erxleben mit dem Vorurteil gegen­über der weiblichen Urteilskraft, woraus zu ihrer Zeit auch die Unterlegenheit der Frau im philosophischen Bereich abgeleitet wurde. Diese Haltung habe sich so manifestiert, daß sogar einige Philosophinnen davon überzeugt seien. Doch sie räumt gegen ihre Kritiker ein, selbst wenn manchen Frauen eine solche Schwäche angeboren wäre, würden sie diesen Rückstand durch ihren Erfindungsreichtum wettmachen. Und auch bezüglich der Urteilskraft könnten sie immer eine Verbesserung durch Übung erzielen. In ihrer Auseinandersetzung mit der 1618 anonym veröffentlichten Schrift Ob die Weiber Menschen seyn oder nicht? befaßt sie sich mit der häufig gegen das Frauenstudium angeführten negativen Psychologie der Frau und widerlegt sie aus ihrer medizinischen Perspektive. Erxleben zieht die Gefühlsbetontheit der Frau nicht in Zweifel, stellt aber fest, daß sie die Folge ihres Ausschlusses aus den Bildungsmöglichkeiten ist. Frauen könnten auf drei Wegen zur Gelehrsamkeit kommen: durch Unterweisung, durch das Lesen der gelehrter Schriften und durch die eigene Meditation. Dabei schließt die Unterweisung eine öffentliche, an höheren Schulen oder Universitäten, und eine häusliche Komponente, durch Privatunterricht, ein.

Als zweites Vorurteil führt sie an, daß Gelehrsamkeit sich nicht für Frauen schicke, da sie auch keinen Vorteil davon haben könnten. Hier geht sie, um auch den Männern die Idee von der weiblichen Gelehrsamkeit schmackhaft zu machen, ausführlich auf den Nutzen der Frauenbildung für die Gesellschaft ein. Gelehrsamkeit kann die Verstandes- und Willenskräfte des Menschen läutern und verbessern, und die Verbesserung der Frauen führt dann durch ihre Aufgabe in der Gesellschaft und vor allem als moralisches Vorbild für Kinder und Männer zur Verbesserung aller. Deshalb besteht der Nutzen der weiblichen Gelehrsamkeit nicht nur in ihrer persönlichen Entwicklung, sondern wirkt sich auf die gesamte Gesellschaft aus.

Dem dritten Vorurteil, das Studium würde von den Frauen oft mißbraucht, setzt sie entgegen, daß es übereilt sei, die manchmal vorkommende falsche Anwendung der Kenntnisse durch die Frauen als Argument für ihren Ausschluß zu nutzen. Ihre Widerlegung erfolgt in vier Schritten: „erstens die Unterscheidung zwischen Mißbrauch und schlechter Absicht, zweitens der Beweis, daß nicht das Studium den Anlaß für Ausschweifungen bildet, drittens die Darlegung der Ungerechtigkeit des Ausschlusses aller, viertens den Nachweis, daß es eine Illusion ist zu glauben, das weibliche Geschlecht werde tugendhafter, wenn es nicht studiere.“ Insgesamt stellt sie fest, daß es nicht den Studien, sondern der Unart einiger Frauen zuzuschreiben sei, wenn sie ihre Gelehrsamkeit zum Schlechten nutzen würden. Die Studien selbst tragen eher dazu bei, die Laster auszurotten.

Besonders geschickt entkräftet Erxleben das vierte Vorurteil, das Studium macht Frauen hochmütig. Sie stellt nämlich fest, daß Frauen nur deshalb mit Stolz und Hochmut auf ihre Gelehrsamkeit reagieren könnten, da es etwas Außergewöhnliches sei. Wären gelehrte Frauen an der Tagesordnung, gäbe es keinen Grund mehr für Hochmut. 


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