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Philosophin des Monats Juni

         Julia Kristeva

kristeva

Psychoanalyse, Sprachphilosophie, Feminismus, Kulturphilosophie, die bulgarische Linguistin und Philosophin Julia Kristeva ist in vielen philosophischen Disziplinen zu Hause. Und doch ist es immer wieder der gleiche Gedanke, der sie antreibt. Es ist die gesellschaftliche Spaltung, die sich in vielen Erscheinungsbilder zeigt: in der Spaltung zwischen dem Symbolischen und dem Semiotischen, zwischen Subjekt und Objekt, zwischen dem Fremden und dem Selbst. 

Das Ziel dieses Kreisens um Trennung und Spaltung ist bei Kristeva das Verbindende. Und das versucht sie, jedenfalls theoretisch, in einer bestimmten Auslegung des Subjektes zu finden, das die Gegensätze zusammenführen kann.

In Texten wie Fremde sind wir uns selbst oder Die Revolution der poetischen Sprache zeichnet Kristeva das Bild eines Subjektes, das ständig in Bewegung, in Veränderung ist. Es erspürt in der symbolischen Ordnung eine emotionale Tiefe und das Fremdsein innerhalb der eigenen Person.



Auszug aus: Die andere Philosophiegeschichte, Aachen  2007

Die bulgarische Linguistin und Philosophin Julia Kristeva steht genauso wie Irigaray in der Tradition von Lacan und betrachtet das weibliche Subjekt vor allem aus psychologischer Sicht. Es wird geprägt durch den Begriff des Semiotischen. Kristeva hat ihn in Abgrenzung zu Lacans Begriff der symbolischen Ordnung gestellt, der stellvertretend für die patriarchale Gesellschaft steht. Das Symbolische gibt Verhaltensnormen, Sprachmuster und Rollenverteilungen vor, die das Gerüst der patriarchalen Gesellschaft darstellen. In der kindlichen Entwicklung wird die symbolische Ebene dann erreicht, wenn die vorsymbolische oder ödipale Phase abgeschlossen ist. Den Übergang markiert das Spiegelstadium; Lacan versteht darunter den Prozess der Trennung vom mütterlichen Leib und die Befreiung aus der ödipalen Phase. Erreicht das Kind die symbolische Ordnung, findet es eine bestehende Struktur vor, in die es sich integrieren muss.

Signifikant für Lacans Haltung Frauen gegenüber ist, dass diese nach seiner Meinung die Ebene des Symbolischen nicht erreichen können. Sie bleiben störende Außenseiterinnen, da sie die ödipale Phase, also die völlige Loslösung von der Mutter, nie wirklich abschließen.

Im Gegensatz zu Irigaray, die diese Teilung kritisiert und den Frauen eine andere, weibliche Form des Symbolischen eröffnet, akzeptiert Kristeva sie. Ihr Umdenken findet auf einer anderen Ebene statt: sie fragt nämlich, ob es überhaupt erstrebenswert ist, in die symbolische Ordnung aufgenommen zu werden. Kristeva übernimmt also die Teilung in vorsymbolisch, weiblich und semiotisch bzw. symbolisch und männlich. Aber in ihren Analysen stellt sie die Bedeutung des Semiotischen heraus. Es ist hier nicht mehr ein Schritt auf dem Weg zum Ziel (Symbolisches), sondern selbst ein Ziel.

Der Begriff »semiotisch« stammt aus dem Griechischen und bedeutet Unterscheidungsmerkmal, Spur, Be­weis oder Zeichen. Kristeva definiert das Semiotische als Mittel, Phantasien und Wünsche wiederzugeben, die außerhalb der Grenzen des patriarchalen Systems liegen. Es ist der plötzliche Ausdruck des Leiblichen in der Sprache, durch die das Unbewusste sichtbar werden kann. Das Semiotische steht für Assoziation und Verschmelzung und für den spielerischen Umgang mit optischen und akustischen Eindrücken.

Durch die Verbindung mit dem Weiblichen und Mütterlichen bezieht Kristeva damit auch die biologischen Ei­genschaften mit ein. Die Trennung von Leib und Seele ist passee, es geht um einen ganzheitlichen Ansatz. Kristeva stellt die These auf, dass die semiotischen Artikulationen über den biologischen Code transportiert werden. Sie sind somit als Grundlage der Sprache, der Sinngebung und ebenso der symbolischen Ordnung zu verstehen.

Das Semiotische kennzeichnet Kristeva als verdrängte, unbewusste Sprache, die sie auch mit dem Begriff Chora umschreibt. Die Chora wird aus dem Griechischen mit Raum oder Unterleib übersetzt. Im philosophischen Zusammenhang taucht die Chora bei Platon auf und gilt als etwas Unnennbares, Unerfahrbares und Flüssiges, das dem Einen, dem Vater vorgängig ist. Unter Chora versteht Kristeva die menschlichen Triebe und ihre unbewusste Artikulation, die somit dem Bereich des Semiotischen zugeordnet werden. Sie ist weder ein Zeichen noch eine Position, sondern eine grundsätzliche bewegliche und extrem provisorische Artikulation.

Die Chora ist der Ort der Bedeutungen, die nicht auf eine symbolische Ordnung reduziert werden können, deshalb überschreitet sie die rationale Subjektivität. Über die Chora stellt Kristeva die Beziehung zwischen dem Semiotischen und ihrem Subjekt-im-Prozess her. Im Gegensatz zum neutralen rationalen Subjekt der männerdominierten Sprache wird es im Akt der Bedeutungsgebung mit archaischen, instinktiven und mütterlichen Aspekten konfrontiert. Kristeva versteht die Chora auch als pulsierenden Druck auf oder in der symbolischen Sprache. Man kann sich diesen Prozess vorstellen wie eine Eruption, die nach oben drängt. Und ein Ausbruch ist nur in einem Moment möglich, dem Prozess der Bedeutungsgebung. Durch sie tritt der sprechende Mensch in die symbolische Ordnung und deren Definitionsmacht ein, verdrängt aber gleichzeitig auf dem Weg liegende unbewusste Bedeutungen.

Durch die Chora entsteht für Kristeva keine neue Sprache, sondern sie steht für die heterogene, gespaltene Dimension der Sprache. Sie versteht die Chora als einheits- und identitätslos, aber trotzdem sei sie bestimmten Regeln unterworfen, die nicht dem Bereich des Symbolischen entstammen. Sie stehe für prä-ödipale semiotische Funktionen. Es sind provisorische Regeln, die auf die Chora einwirken und durch die sich stets neue Artikulationen bilden können. Für Kristeva repräsentiert die Chora auch den Ort der Verneinung, wodurch sie eine Bedrohung für die symbolische Ordnung darstellt. Sie wird am deutlichsten innerhalb von Lyrik, Kunst und Religion. Nach Kristevas Meinung zeigen sich in deren Sprache Aspekte, die nicht dem rationalen Diskurs unterworfen sind. Wichtigste Schauplätze dieser Prozesse seien die kindliche Sprache, die Renaissance-Malerei und die Avantgarde-Literatur.




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