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Philosophin des Monats Februar

        

Amalie Holst

Sind wir bloß um der Männer willen da?“ diese Frage stellt Amalie Holst gleich zu Beginn ihres Textes Über die Bestimmung des Weibes zur Höheren Geistesbildung. Auf den folgenden Seiten macht sie deutlich, dass die Bildung der Frau nicht im Widerspruch zu den Aufgaben steht, die die Gesellschaft ihnen zuweist, die als Ehefrau, Mutter und Hausfrau.

Amalie Holst war keine berühmte Philosophin. Aber sie war eine Frau, die sich trotz vieler Widerstände als Schriftstellerin verwirklichte. Selbst Ehefrau und Mutter verfasste sie zahlreiche Schriften über Erziehung und Bildung und promovierte noch im hohen Alter zur Doktorin der Philosophie. Und das lange bevor die Frauenbewegung eine höhere Bildung für Frauen forderte.

Holst hatte vor allem ein Ziel, die übliche Verunglimpfung der Frau, wie sie von Kant und anderen zeitgenössischen Philosophen überliefert ist, etwas entgegenzusetzen. Deshalb entkräftet sie Punkt für Punkt die Vorwürfe Frauen seien physisch und geistig minderwertig und sollten sich lieber ihren hausfraulichen Pflichten widmen.

Amalie Holst (*1758, †1829), über die leider auch durch die moderne Frauenforschung nur wenig bekannt geworden ist, gehört zu den deutschen Philosophinnen, die sich im 18. Jahrhundert mit dem Problem der Frauenbildung befaßten. Mit ihrer Schrift, Über die Bestimmung des Weibes zur Höheren Geistesbildung, räumt sie in ihrer methodischen und klaren Sprache die Vorurteile und Fehlschlüsse beiseite, die nach ihrer Meinung in erster Linie für die Weigerung der Männer verantwortlich sind, Frauen zu höheren Bildungseinrichtungen zuzulassen.

Über Holsts Leben ist wenig zu erfahren; es finden sich nur einige kurze Abschnitte in zeitgenössischen Lexikas. Sie wurde als Johanna Pauline Amalie von Justi am 10. Februar 1758, während des Siebenjährige Krieges in Altona geboren. Ihr Vater, Johann Heinrich Gottlob von Justi, war seit 1757 in zweiter Ehe mit Johanna Maria Magdalena Marchand verheiratet; aus der ersten Ehe, die Frau hatte ihn verlassen, hatte er bereits 4 Kinder.

Der Vater prägte durch seinen wechselhaften Lebenslauf die Entwicklung der gesamten Familie. In Amalies Geburtsort Altona lebte die Familie wahrscheinlich nur vorübergehend, da die Mutter verwandtschaftliche Beziehungen nach Dänemark hatte und der Vater dort auf Arbeit hoffte. Er hatte kurz vor Amalies Geburt seine Professur in Göttingen verloren, weil er sich als Kriegsgegner zu erkennen gegeben hatte. Johann Heinrich Gottlob von Justi war ein gebildeter Mann, arbeitete als Autor, Übersetzer, Herausgeber und Professor; allerdings machte er sich bei den Mächtigen immer wieder unbeliebt, da er Vorschläge, z.B. zur Verbesserung das Rechtssystems, drucken ließ und diese bei den entsprechenden Stellen einreichte. Es ist anzunehmen, daß er durchaus frauenfreundlich eingestellt war, da er einen Vorschlag zur Einrichtung eines weiblichen Schöffenstuhl machte, durch den die Frauen ihrer eigenen Gerichtsbarkeit überlassen werden sollten.

Von Altona zogen die Eltern nach Berlin, wo noch eine Tochter und ein Sohn geboren wurden, danach kam der Umzug nach Bernau, wo Amalies Mutter noch zwei Mädchen bekam. Über die Erziehung der Kinder ist nichts bekannt, aber da sich Justi schon früh kritisch über die Benachteiligung der Mädchen geäußert und Mädchenschulen verlangt hatte, ist anzunehmen, daß er die Bildung seiner Töchter förderte. Ihre späteren Arbeiten lassen darauf schließen, daß Amalie eine sorgfältige und bildungsorientierte Erziehung erhalten hat.

1766 zog die Familie nach Vietz an der Warthe, wo der Vater von Friedrich dem Großen zum preußischen Berghauptmann und Oberaufseher der Glas- und Stahlfabriken ernannt wurde. 1768 machte sich von Justi schließlich besonders unbeliebt (vielleicht wurde er auch verleumdet) und wurde ins Staatsgefängnis Küstrin eingeliefert. Er be­mühte sich eifrig seine Unschuld zu beweisen, starb aber 1771, vor der Beendigung des Untersuchungsprozesses.

Für die Familie bedeutete sein Tod das Aus: das Landgut und seine Schriften wurden konfisziert, die Kinder in verschiedenen Einrichtungen untergebracht, die Jungen in der dänischen Kadettenschule, drei Mädchen in einem Stift bei Potsdam, die Mutter konnte bei einem Onkel in Braunschweig unterkommen. Wohin es Amalie verschlug ist unklar, erst 20 Jahre später, 1791, trat sie wieder in Erscheinung, als sie zu einer ihrer verheirateten Schwestern nach Hamburg zog, wo sie bald den Doktor beider Rechte, Johann Ludolf Holst, heiratete, mit dem sie drei Kinder hatte.

Amalie Holst war eine für ihre Zeit ungewöhnlich belesene und selbständig denkende Frau, heute vor allem als Verfasserin von zwei Werken über das Problem der Frauenbildung bekannt, das sie in Bemerkungen über die Fehler unserer modernen Erziehung, 1791 (hier trat Holst noch als anonyme Autorin auf) und Über die Bestimmung des Weibes zur Höhern Geistesbildung, 1802 bearbeitet hat. Außerdem verfaßte sie einen Beitrag für A. Lindemanns Musarion, Monatszeitschrift für Damen, unter dem Titel Beurtheilung über Elisa, oder das Weib sie es sein sollte sowie den Text Nachrichten über ihren Vater, 1806; geplant war hier eigentlich eine ausführlichere Darstellung seines Lebens, die sie aber mit Rücksicht auf ihre Mutter unterließ.

Neben ihrer Arbeit als Schriftstellerin befaßte sich Holst mit der Erziehung ihrer Kinder und mit Erziehungsarbeit allgemein, ein Thema, an dem auch ihr Mann Interesse zeigte. Nach seinem Tod, 1825, übernahm sie die Leitung der Bildungsanstalt in Boitzenburg, die sie gemeinsam mit ihren Töchtern Emilie und Marianne ausübte. Dabei war sie natürlich bemüht, die Mädchen nicht nur für Haushalt und Gesellschaft auszubilden, sondern ihnen geistige Bildung zu vermitteln. Später ging sie nach Hamburg und anschließend nach Parchim, wo sie auf der Halbinsel Groß-Timckenberg bei ihrem Sohn, der dort einen Gutshof betrieb, lebte. Noch im hohen Alter promovierte Holst an der Universität Kiel zur Doktorin der Philosophie.

Amalie Holst starb am 6. Januar 1829 auf Groß-Timckenberg.


Holsts bekanntestes Werk ist der Text Über die Bestimmung des Weibes zur Höhern Geistesbildung, der heute in einer Neubearbeitung vorliegt. Die Abhandlung ist überschrieben mit der zentralen Fragestellung: „Steht die höhere Ausbildung des Geistes mit dem nähern Beruf des Weibes als Gattin, Mutter und Hausfrau im Widerspruch?“ Untersucht wird die Frage in vier Kapiteln, die jeweils einen Teilbereich erörtern. Darin geht Holst ausführlich auf die Fragestellungen und Vorurteile ihrer realen oder fiktiven Gegner ein und entkräftet diese taktisch geschickt und schlagfertig. Besonders ausführlich kritisiert sie Rousseau, der mit seinem Bild der Sophie, einer fügsamen Ergänzung des Emile, die bisherigen Bemühungen der Frauen um eine bessere Ausbildung zunichte gemacht hat. Holst bemerkt seine unlogische Darstellungsweise und seine unklare Verwendung des Naturbegriffes, den er entweder mit Kultur oder mit dem Sittengesetz verwechsle.

Die Behauptung, eine höhere Bildung der Frau stehe im Widerspruch zu ihrem Beruf als Ehefrau, Mutter und Hausfrau, entlarvt Holst als Scheinargumente der Männer, die nur ihrem eigenen Machtstreben dienten.

Die Hauptgründe gegen die Bildung der Frauen: erstens, die physischen und geistigen Anlagen der Frauen sind minderwertig; zweitens, eine höhere intellektuelle Entwicklung steht im Widerspruch zu den weiblichen Pflichten, widerlegt Holst mit der ihr eigenen Schärfe und Kohärenz. Zwar räumt sie ein, daß Frauen in der Regel körperlich schwächer seien als Männer, sich diese Schwäche aber nicht auf den intellektuellen Bereich erstrecke. „Denkt etwa unser Geist nach anderen logischen Gesetzen? Nimmt er die Dinge der Außenwelt anders auf, als die Männer?“ Zur Entkräftung des Vorwurfs führt sie zahlreiche Beispiele aus der Geschichte an, Semiramis, Judith, Cornelia, die Mutter der Gracchen, griechische Göttinnen, u.a. Sie belegt ihre Kritik auch anhand von Texten männlicher Historiker, wie Weber, der in Meine Geschichte den Einfluß der Frauen in der Vergangenheit beschreibt.

Holst stimmt allerdings der Meinung zu, daß ein solcher Einfluß nur dann positiv sei, wenn er dazu diene, die Sittlichkeit zu fördern oder die Männer in ihrem Tun zu bestärken. Schädlichen Einfluß übten in ihren Augen die Frauen der Nibelungensage oder die Kurtisanen am französischen Hof aus.

Geschickt verwendet Holst anschließend diesen Punkt als Grundlage ihrer Argumentation für eine weibliche Bildung: da der Einfluß der Frauen auf die Männer nicht zu leugnen sei, müsse dieser positiv sein. Um ihn jedoch so auszuüben zu können, müßten die Frauen über eine gründliche Ausbildung verfügen, denn: „Die erste Erziehung der gesamten jungen Weltbürger, hoher und niederer, männlichen und weiblichen Geschlechts ist im allgemeinen das Geschäft der Weiber.“ Auf diesem Weg argumentiert Holst gleichzeitig für die gebildete Gattin und Mutter.

Ausführlicher geht sie auf diese Aspekte unter der Fragestellung ein: „Das Weib als Gattin betrachtet. Macht die höhere Ausbildung ihres Geistes sie zur Erfüllung der Pflichten dieses Standes unfähig?“ Die weitverbreitete Meinung, die Frau sei nur um des Mannes willen geschaffen worden, entkräftet Holst anhand ihrer argumentativen Auseinandersetzung mit verschiedenen Bibelstellen, die von den Männern dazu mißbraucht werden, die Unterlegenheit des weiblichen Geschlechts zu legitimieren. Sie konstatiert, daß beide Geschlechter um des andern willen erschaffen wurden und deshalb im gleichen Verhältnis zueinander stehen.

Aus dieser Schlußfolgerung leitet Holst dann ihre Ausführungen zur Ehe ab, die sie als zärtlichen und innigen Bund versteht und nicht als Herrschaftsverhältnis. Es sei nur natürlich, daß sich die Schwächen und Mängel der beiden PartnerInnen in der Ehe besonders deutlich zeigen, da die Beziehung sehr eng ist. Dies sei aber kein Grund, die Frauen als dümmer hinzustellen und sie auf eine Dienstbotin zu reduzieren. Holst votiert für die Ehe als Vertrag zwischen zwei freien Individuen, die gleiche Rechte und Pflichten haben. Beide könnten dadurch die Vorzüge der Geselligkeit genießen und sich fortpflanzen, um ihre Kinder zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft zu erziehen. Damit stellt sich Holst gegen die Vorstellungen wie sie Fichte in seiner Grundlage des Naturrechts geäußert hat, in der er die Notwendigkeit der Unterordnung der Frauen in der Ehe postuliert. Für Holst kann sich Liebe nur unter Gleichen entwickeln: „Bei Autorität und Herrschaft gedeihet die Liebe nicht“. Um eine solche gleichberechtigte Beziehung zu leben, müsse aber die Frau diesen Bund mit voller Verantwortung eingehen und dazu gehöre auch ein gewisses Maß an Bildung. Nur so könne eine Familie harmonisch und stabil sein und glückliche Kinder hervorbringen. Der Schluß ihrer Argumentation besteht in der Feststellung, daß Männer durch die Gelehrsamkeit ihrer Frauen nur gewinnen und nicht verlieren würden, denn nur eine gebildete Frau könne in der Ehe die innigste Freundin ihres ebenso gebildeten Mannes werden und so ihre Pflichten zuverlässig erfüllen.

Ähnlich argumentiert Holst auch unter dem Stichwort: „Das gebildete Weib als Mutter.“ Auch hier führt sie in sehr blumiger Sprache an, daß die Mutterschaft eine Funktion sei, die wie jeder andere Beruf eine Ausbildung brauche. So wie ein Gärtner die Pflanzen kennen müsse, um sie zu hegen, müsse eine Mutter die Menschen kennen, um ihre Kinder zu erziehen. Mit ihrer Fähigkeit zur Mutterschaft habe Gott den Frauen einen Bildungsauftrag erteilt, den sie nur erfüllen können, wenn sie selbst gebildet sind. Zu dieser Beschäftigung gehöre mehr als Windeln zu wechseln, denn Kinder müssen Moral und Tugend entwickeln, um nützliche Mitglieder der Gesellschaft zu werden.

In ähnlicher Form argumentiert Holst auch in den Abschnitten „die Frau als Hausfrau“ und „die unverheiratete Frau“. Für die Hausfrau sei Bildung notwendig, um für die Harmonie im Haushalt zu sorgen, richtig mit den Dienstboten und den Finanzen umzugehen. Auch die unverheiratete Frau müsse gebildet sein, wenn sie noch jung ist, um sich als Gattin attraktiver zu machen, bleibt sie unverheiratete Haustochter, um ihren Funktionen im Haus oder in der Erziehung jüngerer Geschwister gerecht zu werden. Sie räumt allerdings ein, daß die Bildung der Frau nicht dazu diene, Geld damit zu verdienen.

Insgesamt fordert Holst die gleiche Bildung für Mädchen und Jungen und verteidigt das Recht der Frauen, sich den Studien zu widmen, auch wenn sie dadurch ihre weiblichen Pflichten vernachlässigen. Denn warum solle sich eine Frau nicht ernsthaftem Studium widmen und darüber unverheiratet bleiben, wenn Männer dies doch auch tun.

Als Aufklärerin fordert sie Bildung nicht nur für eine Hälfte der Menschheit, das wäre auch nur eine beschränkte Aufklärung. Die Aufklärung könne nur dann zur ‘Veredelung der Menschheit’ führen, wenn die Teilnahme der Frauen an der Bildung und am Menschsein gesichert würde.

(Auszug aus: Die Welt der Philosophin, Band III)





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