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Philosophin des Monats April

Simone de Beauvoir

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Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“, mit diesem Satz ging die französische Feministin Simone de Beauvoir in die Philosophiegeschichte ein. Damit prangert sie die Identifikation von Wesen und Geschlecht an. Die Frau wird aufgrund ihrer Biologie zum untergeordneten Menschen erklärt. 

Aber der Satz war unter ihren Geschlechtsgenossinnen ausgesprochen umstritten: mangelndes Wir-Gefühl wurde ihr genauso vorgeworfen, wie Gleichmacherei mit den Männern. 

Doch jenseits aller Kritik hat Beauvoir der zweiten Frauenbewegung vor allem eines gegeben, eine theoretische Grundlage. Das andere Geschlecht wurde x-mal übersetzt, millionenfach verkauft, im Vatikan steht es auf dem Index, bei Le Monde unter den 100 wichtigsten Büchern an 11. Stelle.

Beauvoir hat den Frauen Denkanstöße geliefert, Reflexionen und Diskussionen ausgelöst. Und gerade ihre Mischung zwischen philosophischem und literarischem Schreiben hat die Breitenwirkung ihrer Texte erhöht. 

Auszug aus: Die Welt der Philosophin, Teil 4

In »Das andere Geschlecht« geht es Beauvoir darum, eine Darstellung des Ursprungs und der Wurzeln der weiblichen Einzelexistenz zu liefern. Sie betont ihre Bemühungen darum, nicht den Typus einer Standard-Frau zu entwerfen, sondern unterstreicht ihren Versuch, zwischen verschiedenen weiblichen Lebensformen zu differenzieren.

Im philosophischen Kontext definiert Simone de Beauvoir das andere Geschlecht als existentialistische Ethik, da sie das Geschlechterverhältnis in bezug zu gesellschaftlichen und philosophischen Interessen untersucht. Die Prämissen einer Ethik erfüllt Beauvoirs Ansatz, da er aus der gegenseitigen Verantwortung und Verbindlichkeit auch die Begründung des konkreten gesellschaftlichen Handelns ableitet.

Beauvoirs Ausgangspunkt sind die zentralen Fragestellungen: „Was ist eine Frau?“ und „Warum ist die Frau die Andere?“ Grundlage und Möglichkeit zur Untersuchung dieser Problematiken bietet ihr eigener geistiger Hintergrund, der französische Existentialismus. In ihm sieht sie die geeignete Theorie, um die Situation der Frau zu verstehen und die Dynamik der weiblichen Unterdrückung aufzuzeigen. Dazu verarbeitet sie neben dem französischen Existentialismus auch Einflüsse der Existenzphilosophie von Sören Kierkegaard und Martin Heidegger, die Intersubjektivitätstheorie Edmund Husserls und Hegels Analyse der Herr-Knecht-Beziehung.

In Das andere Geschlecht verwendet Beauvoir zum Teil Sartres Terminologie, distanziert sich aber auch in verschiedenen Punkten, verändert Begriffe und entwickelt ihre eigenen philosophischen Prämissen. Beispiel dafür ist der Freiheitsanspruch der Existenz, den Sartre absolut formuliert, während Beauvoir davon ausgeht, daß sich vor allem Frauen in einer Situation befänden, in der sie die existentielle Freiheit nicht verwirklichen können.

Die Frage, warum Frauen nicht frei seien, beantwortet Beauvoir, noch in Anlehnung an Sartres Modell, mit ihrem unglücklichen Schicksal. Es ist das Schicksal der Frau, unfrei zu sein und durch die Unterdrückung von seiten der Männer diesem ausgeliefert zu sein. Männer machen sie zum Objekt, zum willenlosen Sein, vernichten ihre Selbstsicherheit und machen sie abhängig. Aus diesem Grund ist die freie Wahl für sie keine lebbare Realität, denn sie würden unterdrückt, ohne ihre Unterdrückung selbst gewählt zu haben. Diese nicht gewählte Unterdrückung steht im kulturellen Kontext und macht das Geschlecht zu einem Ort bereits vorgefundener Bedeutungen und Verhaltensmuster.

Beauvoir unterstreicht allerdings, daß die Frauen diesem Schicksal nicht total unterworfen sind. Zwar würden viele Frauen ihre Unterdrückung hinnehmen, jedoch nicht bewußt einwilligen. Trotzdem nimmt sie die Frauen gegen das Argument in Schutz, die Unterdrückung sei ihre eigene Schuld: Da die Unterdrückung der Frauen seit tausenden von Jahren praktiziert wird und als selbstverständlich gilt, ist es schwer, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Das wäre nur möglich, wenn die Frauen sich in Gruppen organisieren würden und gemeinsam vorgingen. Solange sie jedoch in Einzelbeziehungen und isolierten Unterdrückungsverhältnissen leben, ist der Kampf dagegen praktisch unmöglich.

Ein zentrales Element des Existentialismus, die Unterscheidung von Transzendenz und Immanenz, übernimmt Beauvoir auch für die Darstellung der gesellschaftlichen Konditionierung des weiblichen Geschlechts. Obwohl diese Unterscheidung grundsätzlich auf die Differenz zwischen menschlichem und tierischem Sein abhebt, können dem menschlichen Sein beide Aspekte zugeschrieben werden. Transzendenz steht dabei stellvertretend für geistige und intellektuelle Aspekte und Immanenz für die Körperlichkeit.

Übertragen auf die Geschlechterbeziehung wird die Transzendenz zum Attribut des Mannes, während der weibliche Körper Repräsentant der Immanenz ist. Der Mann nimmt die Transzendenz für sich in Anspruch und seine Handlungen sind von Aktivität, Macht, gewaltsamer Aneignung und Ausdehnung seiner Grenzen gekennzeichnet. Mit dieser Aktivität wird, auch von Beauvoir, das eigentliche Menschsein gleichgesetzt, von dem die Frau ausgeschlossen ist. Sie bleibt dem Bereich der Immanenz verhaftet, der durch die Begriffe Passivität, Stagnation, Wiederholung und Unproduktivität gekennzeichnet ist. Da die Frau aus dem männlichen Blickwinkel definiert wird, ist sie im Gegensatz zum Mann die Andere. Diese Position wird von der Frau zeitübergreifend eingenommen und bewirkt, daß sie nur in der Beziehung zum männlichen Subjekt existieren kann. „Sie wird bestimmt und unterschieden mit Bezug auf den Mann, dieser aber nicht mit Bezug auf sie, sie ist das Unwesentliche angesichts des Wesentlichen. Er ist das Subjekt, er ist das Absolute; sie ist das Andere.“ Mensch ist also im existentiellen Sinn erstmal nur der Mann.

Auch bei Beauvoir zeigt sich die Körperfeindlichkeit des existentialistischen Denkens. Indem die Frau auf eine körperliche Identität reduziert wird, dient sie dazu, dem Mann seinen transzendentalen Aspekt zu erhalten. Sie produziert ein Negativbild von dem sich die Männlichkeit positiv abheben kann. Von der männlich geprägten Gesellschaft wird sie als passiv und kindlich klassifiziert und auf einen Objektstatus beschränkt.

Beauvoir wirft den Frauen vor, sich zu leicht dieser Definition des Weiblichen als Gegenständlichkeit unterzuordnen, wodurch sie nicht mehr in der Lage seien, sich als unabhängige Subjekte zu verwirklichen. Sie seien keine autonomen Individuen, die wählen können, sondern blieben dem Stadium der Immanenz verhaftet und verwehren sich selbst den Zugang zur Ebene der Transzendenz. Beauvoir fordert die Frauen auf, ebenso wie die Männer den Bereich der Transzendenz zu erobern. Allerdings müßten sie zuerst die Immanenz ihres Körpers überwinden. Dazu sei es zwar nicht nötig, dieselben Leistungen wie die Männer zu erbringen, aber die Frau könnte sich nur dann emanzipieren, wenn sie ein Leben wie ein Mann führt.

In Das andere Geschlecht formuliert Beauvoir zwei zentrale Thesen, deren Ursprung in der ersten Frauenbewegung liegen, die aber auch als Grundlage und Ausgangspunkt der modernen Frauenbewegung gelten: 1. die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung stellt keine naturgegebene Tatsache dar, die von den Frauen akzeptiert werden muß; 2. es besteht eine Differenz zwischen dem biologischen und dem gesellschaftlich bedingten Geschlecht. Daraus resultiert, daß wir nicht als Frauen geboren, sondern dazu gemacht werden. „Das Ewig Weibliche ist eine Lüge, denn die Natur spielt bei der Entwicklung eines Menschen eine sehr geringe Rolle, wir sind soziale Wesen. Außerdem: Da ich nicht denke, daß die Frau von Natur aus dem Mann unterlegen ist, denke ich auch nicht, daß sie ihm von Natur aus überlegen ist.“ Damit lehnt Beauvoir eine biologistische Erklärung für die Weiblichkeit kategorisch ab und geht davon aus, daß die Unterdrückung der Frau nicht auf ihre Natur zurückzuführen ist und damit nicht vorbestimmt sein kann. Sie sieht die Frau nicht als Opfer eines biologischen Schicksals, sondern als das einer gesellschaftlichen Konditionierung, die überwunden werden kann.

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