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Philosophin des Monats Oktober

Sarah Kofman

,,Möglicherweise werde ich eines Tages meine Autobiographie schreiben. Gleichzeitig schiebe ich die Entscheidung vor mir her, als ob ich damit mein Todesdatum verschieben würde.'' Dieser Satz, den die französische Philosophin in einem Interview äußerte, rückte am 15. Oktober 1994 in ein neues Licht, als sie den Freitod wählte. Sarah Kofman hat ihr Todesdatum bestimmt, allerdings ohne eine Autobiografie zu hinterlassen.

Ihre Texte drehen sich um Klassiker wie Nietzsche, Freud oder E.T.A. Hoffmann. Doch Kofmans Herangehensweise ist nicht beschreibend oder erklärend, sie ist aktiv philosophierend. Dadurch verleiht sie literarischen Texten eine tiefere, eine philosophische Bedeutung.

In den frühen 80er Jahren wandte Kofman ihre Aufmerksamkeit feministischen Themen zu. Beispielhaft dafür ist ihre Interpretation des Begriffs der Achtung bei Kant. Sie beschreibt Achtung als ein moralisches Gefühl, das den Frauen aufgrund ihrer Schwäche entgegengebracht wird. Die Frau selbst fordert die Achtung im Namen ihres Geschlechtes. Das Ergebnis ist eine paradoxe Situation, in der die Frau trotz ihre Schwäche zur Herrscherin wird. Sie regiert den Diener Mann, der sie dafür hasst. „Die Achtung der Frau ist immer die glorreiche, moralische Kehrseit des Frauenhasses der Männer.“

Auszug aus: Die Welt der Philosophin Band IV, ein-FACH-Verlag, Aachen 1998

Die französische Philosophin Sarah Kofman war eine Denkerin, die auf den unterschiedlichsten Wissenschaftsgebieten philosophisch tätig war. Dabei war es ihr immer ein Anliegen, den Text zu Wort kommen zu lassen und nicht durch ihre Interpretation zu ersticken.

Sarah Kofman wurde am 14. September 1934 als eines von sechs Kindern einer mittellosen jüdischen Familie in Paris geboren. Die Familie stammte aus Polen, war aber inzwischen in Frankreich naturalisiert, was sie vorerst vor der Deportation rettete. Bereits in jungen Jahren wurde Sarah mit dem Antisemitismus konfrontiert, denn nach der Besetzung von Paris wurde die Lage der Juden in Frankreich immer schwieriger. Bei einer der großen Verhaftungswellen wurde ihr Vater, der Rabbiner Berek Kofman, deportiert. Letztes Lebenszeichen war eine Karte aus dem Lager Drancy. Nach dem Krieg erhielt die Mutter die Sterbeurkunde aus Auschwitz und erfuhr, dass ihr Mann dort erschlagen worden war, weil er sich geweigert hatte, an einem Sabbat zu arbeiten.

Nach der Verhaftung des Vaters wurden die Kinder mit Hilfe einer jüdisch-kommunistischen Widerstandsgruppe bei verschiedenen Bauern in der Normandie untergebracht. Die Familie war kaum assimiliert und die Kinder sprachen wenig Französisch, nur Jiddisch und Polnisch. Sarah musste Schweinefleisch essen, was die Tochter des streng gläubigen Rabbiners in schwere Gewissenskonflikte stürzte. Das Problem der Nahrungsaufnahme war auch später für sie immer wieder aktuell, da sie es eng mit der jüdischen Identität verknüpfte. Die Mutter holte sie schließlich aus der Normandie nach Paris zurück, wo sie bis zum Ende des Krieges lebten.

1943 entging die Familie Dank einer Vorwarnung nur knapp der Deportation. Bis zum Kriegsende 1944 fand sie Unterschlupf bei einer Bekannten und lebte in der ständigen Angst verraten zu werden. Sarah entwickelte ein enges Verhältnis zu dieser Frau, die sie Omi nannte, was zu vielen Auseinandersetzung mit ihrer Mutter führte, vor allem da die Nicht-Jüdin das Kind an christliche Sitten gewähnte. Die Konflikte mit der Mutter prägten auch Sarahs Kindheit nach dem Krieg bis zum Erwachsenenalter. 1995 erschien ihr autobiographisches Werk mit dem Titel Rue Ordener, Rue Labat, in dem sie ihre Zerrissenheit zwischen der Mutter und der adoptierten “Omi” verarbeitet.

Nach dem Krieg war die Familie obdachlos, da ihre Wohnung von Kollaborateuren besetzt worden war. Bis 1957 mussten sie in einer Notunterkunft leben. Sarah war eine gute Schülerin und seit frühester Kindheit begeisterte Leserin. Gegen den Willen der Mutter setzte sie durch, einen Schulabschluss zu machen und das Collège zu besuchen; sie wollte Lehrerin werden. In der Abschlussklasse kam sie zum ersten mal mit der Philosophie in Berührung, was ihren Berufswunsch konkretisierte, sie wollte nun Philosophie studieren und lehren.

Schließlich studierte Kofman an der Sorbonne und schloss 1956 mit dem Lizenziat in Philosophie ab. 1957 erhielt sie das Diplom für ihren Text Le langage chez Platon. Nach ihrer Agrégation 1960 arbeitete sie bis 1962 als Professorin am Lycée Saint-Sermin in Toulouse; von 1962 bis 70 war sie Professorin am Lycée Claude-Monet in Paris. Zwischen 1970 und 88 arbeitete sie als Assistentin an der Sorbonne, unterbrochen durch verschiedene Auslandsaufenthalte und Gastprofessuren in den USA, Kanada, Portugal, Niederlande und der Schweiz.

Die Zeit der Verfolgung hinterließ bei Kofman eine traumatische Erinnerung, die sie Jahre später psychoanalytisch aufarbeitete. Dabei erhielt sie auch den Anstoß eine Autobiographie zu verfassen, in der sie die Angst der frühen Jahre verarbeiten konnte. Als sie mit Robert Antelmes Buch Das Menschengeschlecht, einem französischen Standardwerk zum Holocaust, in Berührung kam, war die Verbindung zu ihrer eigenen Geschichte hergestellt. Antelme hatte sein Werk nach der Rückkehr aus Dachau geschrieben, in Deutschland kam es erst 1987 heraus. Antelme, der mehrere Jahre der Lebensgefährte der Schriftstellerin Marguerite Duras war, war nicht als Jude, sondern als Widerstandskämpfer verhaftet worden. Ihm wollte Kofman mit ihrem Buch ein philosophisches Denkmal setzen. Der so entstandene Text Erstickte Worte gehört zu den wenigen Werken Kofmans, die in deutscher Übersetzung vorliegen.

Seit 1991 arbeitete Kofman als Professorin für Philosophie an der Sorbonne. Sie beging 1994 Selbstmord.


Kennzeichnend für Kofmans Werk ist, dass sie nicht über Philosophie schreibt, sondern über Texte philosophiert. Und dieses aktive Philosophieren unterscheidet sie auch von vielen ihrer KollegInnen.

Beispielhaft für ihre Vorgehensweise ist die Auseinandersetzung mit E.T.A. Hoffmanns Kater Murr. Vordergründig ist es Literatur, doch zum einen überschreitet der Kater als Autobiograph die Grenzen der Literatur, indem er seinem Leben durch diese Aufgabe einen bleibenden Wert gibt, und zum anderen gibt Kofman dem Text durch ihre philosophische Herangehensweise eine tiefere Bedeutung. Sie bevorzugt literarische Texte, wie die von Antelme oder E.T.A. Hoffmann, sprachwissenschaftliche Themen, wie in Derrida lesen, und ebenso Texte über Kunst und Ästhetik. Ihre ersten Veröffentlichungen erschienen in den 60er Jahren und hatten neben Freud auch Nietzsche zum Thema. Wenn Kofmans Interesse an Philosophie anfangs mehr klassischen Texten zugewandt war, so sind zunehmend feministische Fragestellungen kennzeichnend für die frühen 80er (L'enigme de la femme, La femme dans les textes de Freud 1980, Le respect des femmes, 1982). Beispielhaft für ihre feministischen Analysen ist Kofmans Interpretation des Begriffs der Achtung bei Kant. Sie untersucht darin die Achtung als moralisches Gefühl in Bezug auf die Frau und die Geschlechterdifferenz. Das Recht auf Achtung erwerben sich die Frauen durch ihre Schwäche. Die Achtung vor den Schwachen wird den Starken quasi als Schutzmaßnahme aufgezwungen. Die Frau fordert damit die Achtung “im Namen ihres Geschlechts”. Daraus leitet Kofman die paradoxe Situation ab, dass die Frau aufgrund der Achtung herrsche, trotz ihrer Schwäche, und der Mann als Diener regiere. Aus dieser Diskrepanz resultieren dann die Ablehnung und der Hass auf die Frau und deren Macht. “Die Achtung der Frau ist immer die glorreiche, moralische Kehrseite des Frauenhasses der Männer.”

Als ein zentrales Thema durchzieht Kofmans Arbeiten die Auseinandersetzung mit dem Problem des Schreibens bzw. der Literatur. In diesem Kontext steht ihr 1976 veröffentlichter Titel Autobiogriffures (Schreiben wie eine Katze). Kofman analysiert darin E.T.A. Hoffmanns Lebens-Ansichten des Katers Murr auf der Folie von Derridas textkritischem Ansatz. Sie bezieht diesen auf die Literaturwissenschaft und hinterfragt dabei die gängigen Kategorien Werk und AutorInnenschaft. Beispielhaft dafür ist Kater Murr, der mit dem Ziel, seine Identität zu finden, eine Autobiographie verfasst, sich dann jedoch in der Schrift verliert, wodurch er letztlich seine Souveränität einbüßt. In Autobiogriffures bezeichnet Kofman die Lebens-Ansichten als Buch über die Schrift. Sie macht die Bedeutung und Funktion der Schrift für ein bestimmtes Schreibsystem sichtbar und stellt fest, dass die Schrift kein Privateigentum, sondern immer schon Zitat ist.

In diesem Kontext steht auch das 1979 erschienene Buch Nerval, le charme de la répétition, in dem sich Kofman ebenfalls kritisch mit Literatur beschäftigt. Ausgehend vom Werk Nervals verdeutlicht sie das Paradoxon mit der Schrift gleichzeitig etwas zu verbergen und zu enthüllen.

1984 veröffentlichte Kofman eine sehr komplexe und kompetente Darstellung und Analyse von Derridas textkritischem Ansatz unter dem Titel Lectures de Derrida (Derrida lesen). Derrida lesen gilt als einzige in Deutschland vorliegende Publikation, die einen angemessenen Zugang zu dem umstrittenen Philosophen Jacques Derrida ermöglicht. Allein Derridas avantgardistischer Sprachgebrauch könnte ein Lexikon füllen. Kofman definiert diese neuen und ungewöhnlichen Begriffe nicht, sie verwendet sie, geht mit ihnen, um und dadurch werden sie erhellt.

Kofman gelingt es, das Eigentümliche und Gebrochene an Derridas Arbeit zu erhalten und trotzdem seine Begriffe und Gedanken nachvollziehbar zu machen. Neben den sprachphilosophischen Inhalten thematisiert sie auch Derridas Bezug zur Weiblichkeit und zur sexuellen Differenz.

In ihrer Untersuchung wendet sie Derridas Methode der textuellen Pfropfung an, die einen Text zu einem Gewebe aus Zitaten macht. “Die eingefügten Texte werden in Bewegung gebracht.” Der Text ist dadurch nach allen Seiten offen und aufnahmefähig. Die Pfropfung durchbricht die Grenze zwischen Text und Kontext. Derridas Texte sind einem traditionellen Logos nicht zugänglich, sie müssen spielerisch erfahren werden. “Sich die Frage stellen, was die Texte Derridas zu verstehen geben, hieße sich einer solchen Herrschaftsausübung und einer solchen philosophischen Wiederaneignung hinzugeben: Philosophie lässt sich als der Versuch definieren, 'ihr Draußen in sich widerhallen zu lassen', ihr Anderes zu denken, um es sich wiederanzueignen und es genau dadurch zu verfehlen.” Deshalb ist es unmöglich, eine einfache Zusammenstellung von Derridas Texten zu liefern, was Kofman auch gar nicht beabsichtigt.

Autobiographische Züge trägt ihre sehr bekannte Arbeit Paroles suffoquées (Erstickte Worte), in der sich Kofman eingehend mit der Beziehung zwischen literarischer Arbeit und dem Holocaust befasst. Angeregt wurde diese Arbeit durch das Schicksal ihres Vaters, der in Auschwitz ermordet worden ist und dem Kofman ihr Buch gewidmet hat. In Paroles suffoquées analysiert sie Das Menschengeschlecht von Robert Antelme, der selbst die Konzentrationslager überlebte. Mit der Reflexion auf diesen literarischen Text über das Leben im Konzentrationslager bringt Kofman auch biographische Elemente mit Bezug auf den Tod ihres Vaters ein. Die Person ihres Vater ist dabei ein entpersönlichter Mensch, Teil der anonymen Masse. Kofman gibt an, das Drama nicht auf sich beziehen zu wollen, sondern es als historisches Faktum zu begreifen, was die eigene Biographie ausschließt und zugleich integriert.

Ihre Untersuchung leitet sie mit einem Zitat von Adorno ein, der fordert: “(unser) Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz sich nicht wiederhole, nichts Ähnliches geschehe...” Im Menschen sind zwei divergierende Kräfte wirksam, die anderen zu töten und die anderen anzuerkennen.

Kofmans Ansatz ist es, über das Allgemeine zum Besonderen vorzudringen. Also sich von der universellen Theorie zur eigenen Person vorzuarbeiten, vom Abstrakten zur konkreten eigenen Erinnerung. Neben Antelme ist auch Maurice Blancot, der selbst antisemitische Texte verfasst hat, ein wichtiges Gegenüber in diesem Text. Zwischen Antelme und Blanchot stellt Kofman ihren Vater, dessen Schicksal hier nicht individuell, sondern kollektiv dargestellt ist. Kofman will die Ereignisse aus dem jüdischen Kontext herauslösen, da sie alle Menschen betreffen: “Denn das, was in Auschwitz geschah, betrifft nicht nur die Juden - es zwingt uns, den Menschen schlechthin anders zu denken. Die Juden von den übrigen Opfern trennen hieße, den Nazis einen letzten Triumph einzuräumen.”

Antelmes Text verdeutlicht, zu welchen Greueltaten Menschen gegen ihre eigene Spezies fähig sind, macht aber auch die Grenzen dieser Macht deutlich, nämlich die Unbeugsamkeit der Deportierten. Die alte Idylle des wir Menschen wurde zerstört. Aber indem die Möglichkeit eines neuen wir aufgezeigt wird, ist auch ein neuer Humanismus täglich. Dieser Humanismus könne und solle in der Lage sein, die Wiederholung von Auschwitz zu vermeiden und eine erneuerte Gemeinschaft der Menschen zu konzipieren, die sich auf Vernunft stützt. Der Mensch nach Auschwitz zeigt angesichts der Vernichtung seine Unzerstörbarkeit.

Vorangestellt hat Kofman ihrer Arbeit Paroles suffoquées die Frage, ob nach Auschwitz eine Erzählung noch möglich ist. Kofman bezieht sich dabei zum einen auf die Äußerung Adornos, der forderte, das Denken und Handeln so einzurichten, dass sich Auschwitz nicht wiederholen könne, und zum anderen auf den französischen Schriftsteller Blanchot, der feststellt, dass über und nach Auschwitz keine Erzählung mehr möglich sei, sofern man unter Erzählung verstünde, “eine Geschichte von Ereignissen zu erzählen, die Sinn ergeben”; er selbst hat nach dem Krieg das Wort Erzählung aus seinen Texten gelöscht. Dieses Ereignis ist ein Einschnitt, der alles was davor und was danach geschrieben wurde betrifft. “Angesichts des Absolutums der Macht kann man seine Wörter nur schlucken und sie in der Brust verschließen, um sie dort zu bewahren. Und dennoch gilt es zu sprechen, wenn man nicht ersticken, erstickt werden will; es gilt Worte zu wechseln...”

Auch wenn nach Auschwitz keine Erzählung mehr möglich ist, besteht für Kofman die Pflicht zu sprechen, und zwar für diejenigen, die nicht sprechen konnten. So ist auch Antelmes Buch Das Menschengeschlecht zu verstehen, das über die Schrift unerträgliche Wahrheiten hörbar macht. Es zwingt zuzuhören und denen Aufmerksamkeit zu schenken, die nicht mehr sprechen können.

Zum Problem, ob es ein Schreiben nach Auschwitz geben könne, bzw. wie dieses aussehen würde, antwortet Kofman in einem Interview mit der Zeitschrift Die Philosophin. Sie stellt fest, dass das Schreiben über diese Greueltaten weder in einen herrschaftlichen noch einen didaktischen oder spekulativen Diskurs gefasst werden kann. “Man muss versuchen, beim Schreiben Raum für das Schweigen derer zu lassen, die nicht sprechen konnten: das ist ein Schreiben 'ohne Macht'. Es muss das Unermessliche, das Unreduzierbare des Menschen aufscheinen lassen, jenseits aller Kräfte und Gewalten, die versucht haben, ihn zu reduzieren, bzw. sogar auszulöschen.” Darin liegt Kofmans ethische Forderung, die anderen zu Wort kommen zu lassen und ihnen durch das Schreiben keine neue Gewalt anzutun.



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